POLENS BAHNINFRASTRUKTUR: JETZT DOCH KEINE HÖHEREN TRASSENPREISE FÜR 2022

Written on 24.03.2021
Hermann Schmidtendorf


„Das ist eine gute Entscheidung“, erklärte erleichtert der Präsident der Stiftung Prokolej (ProBahn) Jakub Majewski. Im letzten Moment hatte der staatliche Verwalter der Bahn-Infrastruktur in Polen PKP PLK seinen Antrag zurückgezogen, die Trassennutzungsgebühren für 2022 zu erhöhen.

Damit werden auch im Jahresfahrplan 2021/2022 die derzeit gültigen, 2018 festgelegten Zugangsgebühren für das polnische Schienennetz bestehen bleiben. Das berichtete das polnische Eisenbahn-Aufsichtsamt Urząd Transportu Kolejowego UTK am 19. März 2021 auf seiner Webseite. Da es keinen Antrag auf Preiserhöhungen mehr gibt, stellte das UTK die Prozedur zu dessen Überprüfung ein.

Zunächst hatte PKP PLK beantragt, der Zugkilometer im Schienengüterverkehr SGV solle von jetzt 12,80 PLN (2,81 Euro) um 2,3 Prozent steigen. Im Personenverkehr solle der Zugkilometer von jetzt 6,10 Zloty (1,34 Euro) sogar um bis zu 8,7 Prozent steigen. Der Trassenkilometer für Rangierfahrten solle bei jetzt durchschnittlich 3,35 PLN (0,74 Euro) um 2,7 Prozent erhöht werden.

Zum Vergleich: Der Verwalter der deutschen staatlichen Bahn-Infrastruktur gibt in seiner Broschüre „Das Trassenpreissystem 2021 der DB Netz AG“ an: In der Güterverkehrs-Kategorie DB Standard kostet ein Trassenkilometer 3,05 Euro, im Güternahverkehr sogar nur 1,82 Euro – deutlich weniger als in dem weniger wohlhabenden Polen.

„Wir müssen endlich aufhören, über Trassenpreiserhöhungen zu sprechen, und sie stattdessen senken“, forderte deshalb der polnische Bahnverkehrs-Lobbyist Jakub Majewski in einem Interview mit dem Branchendienst “Rynek Kolejowy”. Mehrfach hatte bislang das polnische Verkehrsministerium beteuert, über Preissenkungen nachzudenken. Doch habe man noch keine Finanzierungsquelle für die Deckung entsprechender Einnahmeverluste gefunden.

In einem Appell an das Verkehrsministerium zur Senkung der Trassenpreise im Sommer 2020 hatte eine Allianz polnischer Bahn-Verbände auf die repräsentative Strecke Gdańsk – Katowice (Danzig – Kattowitz) verwiesen. Dort seien die Kosten für den Zugang zur Eisenbahninfrastruktur für einen intermodalen Zug im Durchschnitt doppelt so hoch wie die Maut-Kosten auf der Autobahn für den Transport der gleichen Menge an Fracht mit Lastkraftwagen.

Der Rückzug der Preiserhöhungspläne kam überraschend. Denn zuvor hatten PKP PLK darauf verwiesen, eine Preissteigerung sei unumgänglich, um ein europäisches Gerichtsurteil umzusetzen. Gemeint ist das Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union vom 10. Juli 2019 in der Rechtssache C-210/18 WESTbahn Management GmbH gegen ÖBB-Infrastruktur AG.

Gemäß der Entscheidung fällt die Nutzung von Bahnsteigen unter das Mindestpaket für den Zugang zur Eisenbahninfrastruktur gemäß Anhang II Nummer 1 der Richtlinie 2012/34 / EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. November 2012 über die Einrichtung eines einheitlichen europäischen Eisenbahnraums. Damit dürfen Bahnen von Zugbetreibern keine gesonderte Bahnsteigzutrittsgebühr erheben. Genau dies hatte jedoch zuvor auch PKP PLK in Polen versucht.

Der Leser des Fachdienstes „Rynek Kolejowy“ mit dem Pseudonym Romario997 schreibt in einem Kommentar, die Kosten für den Zutritt zum polnischen Schienennetz würden auch ohne formelle Ankündigung „stillschweigend auf andere Art und Weise erhöht“: „Für viele Bahnstrecken ändert sich die Preiskategorie, was eine automatische Erhöhung bedeutet.“
Die Umstufung in eine höhere Preiskategorie sei beispielsweise im Fall der Bahnlinie 311 Jelenia Góra – Szklarska Poręba Górna (Hirschberg – Oberschreiberhau) völlig ungerechtfertigt. Denn gleichzeitig werde die erlaubte Höchstgeschwindigkeit im Abschnitt Jelenia – Piechowice wegen schlechten Zustands der Schienen von derzeit 60 auf 50 km/h herabgesetzt. Die Reisezeit verlängere sich dadurch um mindestens drei bis vier Minuten. (red/Herman F. Schmidtendorf)