» ENTSCHEIDEND WIRD SEIN, INNOVATIONEN AUF DIE SCHIENE ZU BRINGEN «

» ENTSCHEIDEND WIRD SEIN, INNOVATIONEN AUF DIE SCHIENE ZU BRINGEN «

Written on 05.03.2019
Dennis Peizert


IN DIESER AUSGABE: SARAH STARK IM GESPRÄCH MIT MARTINA LÖBE ÜBER DIE PRÄ- SENZKULTUR BEI DER ARBEIT, EHRENAMTLICHES ENGAGEMENT UND DIE WEICHENSTELLUNGEN FÜR DIE ZUKUNFT DES SCHIENENVERKEHRS IN DER BUNDESREPUBLIK.

Martina Löbe (ML): Die Bundesregierung hat sich die Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2030 sowie steigende Marktanteile des Schienengüterverkehrs zum Ziel gesetzt. Wie soll das gelingen?

Sarah Stark (SSt): Durch ein Instrumentenbündel, das, wie Verkehrsminister Scheuer formulierte, zum Wow-Effekt im Schienenverkehr führen soll. Dieses Instrumentenbündel erarbeiten Regierung und Schienenbranche derzeit gemeinsam im Zukunftsbündnis Schiene (ZBS) unter Leitung des
Beauftragten der Bundesregierung für Schienenverkehr, Enak Ferlemann. In einem Masterplan zur Zukunft des Schienenverkehrs werden bis zum Ende der Legislaturperiode die entscheidenden Maßnahmen aufgelistet, die die Schiene voranbringen. Es geht um den Deutschlandtakt, steigende Kapazitäten, bessere Wettbewerbsfähigkeit, leiseren Schienenverkehr und Innovationen.

ML: Die Legislaturperiode endet planmäßig in 2021. Was passiert in der Zwischenzeit?

SSt: Erste Zwischenergebnisse für eine modernere Eisenbahn sollen bereits in diesem Frühjahr vorliegen. Parallel zum ZBS werden Projekte umgesetzt. Im Pilotprojekt Innovativer Güterwagen werden beispielsweise leise Fahrzeugkomponenten bereits heute auf ihre Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit getestet. Digitale Stellwerke und Leit- und Sicherungstechnik sollen zügig flächendeckend ausgerollt werden, um mehr Züge in dichteren Abständen fahren lassen zu können und gleichzeitig die Kosten zu senken. Alternative Antriebe und Prozesse sollten gefördert werden. Dabei trägt der Schienensektor seinen Anteil dazu bei. Die Herausforderungen sind angesichts der erfreulichen Zunahme von Fahrgastzahlen und Gütertransporten auf einem verschlankten Netz enorm. Deutlich höhere und langfristig verstetigte Investitionen in die Schiene bieten jetzt die Chance das System ins digitale Zeitalter zu überführen, damit noch mehr Reisende und Güter zuverlässig, pünktlich, leise und emissionsarm ans Ziel kommen. Entscheidend wird sein, inwiefern es uns gelingt Innovationen auf die Schiene zu bringen. Wir brauchen mehr Demonstrationsprojekte wie zum hochautomatisierten Fahren in Hamburg, anlässlich des Weltkongresses für Intelligente Verkehrssysteme (ITS) im Jahr 2021. 

ML: Welche Bedeutung hat das Deutsche Verkehrsforum (DVF) in der deutschen Mobilitätsbranche?

SSt: Als Wirtschaftsverband des gesamten Mobilitätssektors bringen wir Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zusammen, um bessere Bedingungen für unsere tägliche Mobilität zu bewirken. Dabei steht für uns Mobilität als System im Vordergrund. Lange bevor Digitalisierung fester Bestandteil des Alltags war, haben wir uns als Think Tank für die Vernetzung der Verkehrsträger und die Nutzung ihrer spezifischen Vorteile eingesetzt. Es geht uns vor allem um reibungsfreie Schnittstellen, also Mitbessere Verknüpfungen zwischen den Verkehrsträgern, damit Pendler und Güter schneller und damit ressourcenschonender ankommen. Bei meiner Arbeit steht dabei der Schienenverkehr im Fokus. Und damit darf ich eines der Gründungsthemen des DVF besetzen, denn das DVF initiierte die Strukturreform der Bahn vor 25 Jahren. 

ML: Was ist Ihr Antrieb bei Ihrer Arbeit im DVF?

SSt: Mich reizt es, das gesamte Bild zu betrachten. Eine Stadt oder ein Wirtschaftssystem funktioniert, wenn der Verkehr rollt. Wie das System optimiert werden kann, damit wir morgen zuverlässiger, leiser und sauberer ans Ziel kommen, beschäftigte mich bereits in meiner früheren Tätigkeit in der Verkehrsforschung. Dort wurde mir klar, dass für Veränderungen politische Entscheidungen ausschlaggebend sind. Als Verband können wir, im Austausch mit der Politik, unsere Vorschläge einbringen.

ML: Sie sprechen ihre Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Verkehrslehrstuhl der TU Berlin an. Durch die Änderungen im Studiensystem in Deutschland lässt sich seit Jahren beobachten, dass sich Studierende weniger neben dem Studium engagieren. Wie wichtig ist es aus Ihrer Perspektive für Studierende, Erfahrungen in ehrenamtlicher Verbandsarbeit zu sammeln?

SSt: Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, denn es ist eine Sache Lösungen zu entwickeln, aber eine andere, sie umzusetzen, also Mehrheiten dafür zu gewinnen. Das braucht einen langen Atem und der will trainiert werden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das lohnt sich. 

ML: Haben Sie sich deshalb ehrenamtlich im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub e. V. (ADFC) engagiert?

SSt: Das Fahrrad ist für mich das ideale Verkehrsmittel im städtischen Alltag. Als Studentin wollte ich auf sicheren Wegen fahren und habe mich für Radspuren eingesetzt. Sie ermöglichen direkte Sichtbeziehungen zwischen Kraftfahrern und Radfahrern und helfen damit tödliche Abbiegeunfälle zu vermeiden. Als Vorsitzende des geschäftsführenden Vorstands des Landesverbands Berlin hatte ich die Gelegenheit meinen Teil dazu beizutragen. Und ganz nebenbei habe ich gelernt, mit knappen Budgets verantwortungsvoll umzugehen, Mitarbeiter zu führen und die Erfolge, des mehr als 10.000 Mitglieder glieder zählenden Vereins, öffentlich zu präsentieren.

ML: Die WiM haben sich zum Ziel gesetzt, sichtbar Einfluss zu nehmen und wegweisende Weichen für die Zukunft der Mobilität stellen zu wollen. Dafür braucht es mehr Frauen in Führungspositionen und mehr gelebte Vielfalt bei der Besetzung von Stellen. Welche Arbeitsanforderungen sollten sich Ihrer Meinung nach dafür ändern?

SSt: Wünschenswert wäre es, wenn der Präsenzkultur mehr Flexibilität zur Seite gestellt würde. Die digitalen Werkzeuge machen es möglich, stärker auf das Arbeitsergebnis zu schauen als auf abgesessene Bürozeiten. Und wer weiß, vielleicht erlebe ich es noch, dass Pausen und Brüche in Lebensläufen keine Nachteile darstellen, sondern als Bereicherung des individuellen Erfahrungsschatzes angesehen werden. Egal ob für Frauen oder Männer!

ML: Welche Frau hat Sie persönlich beeindruckt?

SSt: Mir hat Michelle Obama 2017 mit ihrer Rede im Wahlkampf für die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton imponiert. In Ihren Reden hat sie mit Inhalt, starker Haltung und Würde überzeugt. Sie hat für mich so in vielerlei Hinsicht Ihre Vorbildfunktion bekräftigt. Insbesondere mit dem Satz „When they go low, we go high”.

ML: Frau Stark, ich danke Ihnen für das Gespräch.